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"...dieses zauberhafte Märchen"Der Sohn des Königs"
...beinhaltet die Vermittlung von relevanten Werten
...Sehr empfehlenswert." - Jugendschriftenausschuss des BLLV Leseprobe aus dem Buch
Sein Boot lag noch genauso im Schilf, wie
er es verlassen hatte. Er zog es heraus, verstaute alles sorgfältig
und wollte es gerade ins Wasser schieben, als er kurz geblendet
wurde. Er ließ seinen Blick über die Oberfläche
des Sees wandern, denn er vermutete, dass das Blinken von dort
gekommen war. Da! Wieder blitzte es kurz auf und diesmal sah er
genau, woher es kam. Nicht vom Wasser, sondern aus dem Wald, der
sich am Westufer erstreckte. Jetzt blinkte es sogar dreimal hintereinander
auf! Was war das? Ein Signal? Aber für wen? Viktor wurde
neugierig. Schon stand sein Entschluss fest: Dorthin wollte er
rudern und erkunden, was da mitten im Wald aufleuchtete! Sein
Boot glitt ins seichte Wasser und mit kräftigen Schlägen
ruderte er dem Westufer entgegen.
Nach ungefähr zwei Stunden erfasste ihn eine schwere Müdigkeit.
Er zog die Ruder ein und legte sich ins Boot. Die Plane diente
ihm als Kopfkissen und er fühlte sich sehr, sehr wohl.
Er schlief abgrundtief und lange, bis er von einem leichten Nieselregen
geweckt wurde. Schnell breitete er seine Plane über sich
und schaukelte gemächlich mit seinem Schiffchen auf dem See.
Er ließ die Hand ins Wasser hängen und das lauwarme
Seewasser fühlte sich angenehm an. Plötzlich spürte
er etwas Hartes zwischen seinen Fingern. Noch bevor er nachsehen
konnte, was es sein könnte, war es ihm schon wieder entglitten.
Aber er war neugierig geworden, beugte sich über den Bootsrand
und fischte nach dem Gegenstand. Da! Da schwamm etwas Rundes,
Braunes... Es hatte die Form einer Nuss!
"Die Heilnuss!!", schrie eine Stimme in seinem Kopf.
"Ich hab sie gefunden! Sie wurde von der Insel ins Wasser
gespült. Ich muss sie erwischen! Unbedingt und sofort!!"
Er krempelte die Ärmel seiner Jacke hoch und fischte im Wasser.
Die Nuss schaukelte in den Wellen des Bootes direkt vor ihm, aber
es war unmöglich, sie zu fassen. Immer ungeduldiger griff
er ins Wasser. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als diese
wunderbare und einmalige Nuss zu ergreifen und zu besitzen.
"Und wenn ich in den See muss ich hol sie mir!",
dachte er. Er blickte sich um. Während seines stundenlangen
Schlafes hatte sich das Schiff dem Westufer genähert. Viktor
konnte bereits die Bäume voneinander unterscheiden. Vielleicht
war das Wasser hier schon seicht? Vielleicht hatte man Boden unter
den Füßen? Die Nuss entfernte sich allmählich.
Das durfte nicht passieren! Vorsichtig ließ er sich über
den Bootsrand ins Wasser gleiten. Sein Lehrer hatte ihm zwar gezeigt,
wie man schwimmt, aber er war weit davon entfernt, es zu beherrschen.
Er klammerte sich am hölzernen Rand fest, hatte aber jeglichen
Überblick verloren. Wo war die Nuss?
Ah, da schwamm sie ein Stück weit entfernt! Er musste
loslassen, sonst hatte er keine Chance, sie zu ergreifen. Kaum
hatte er die Hand vom Bootsrand gelöst, verlor er alle Sicherheit.
Er strampelte und platschte, ging unter, schluckte Wasser, tauchte
wieder auf, entdeckte trotz seiner Not plötzlich die Nuss,
griff nach ihr und ging unter...
Draußen am Ufer beugte sich gerade
in diesen Minuten eine Frau über den Wasserspiegel. Sie konnte
es nicht lassen, sich selbst immer und immer wieder zu betrachten
egal, ob in einem echten Spiegel oder in einer Pfütze,
in einem Fenster oder in der glänzenden Oberfläche dieses
Sees. Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und
lächelte sich wehmütig zu. Dann erhob sie sich, schaute
übers Wasser und erschrak. Was war das? Trieb da ein
Mensch?
Sie wurde blass und stürzte sich mitsamt ihren Kleidern ins
Wasser. Zuerst watete, dann schwamm sie bis hin zu Viktor, der
hilflos im Wasser umhertrieb. Aber er lebte! Das sah die Frau
sofort. Sie zog ihn an den Strand, massierte seine Brust und schon
ein paar Minuten später schlug er die Augen auf. Er sah die
Frau und flüsterte: "Ich hab sie!"
"Was? Was hast du?"
"Die Heilnuss! Die Zaubernuss!" Viktor hob seine rechte
Hand. Er hatte sie um die Nuss zu einer Faust geballt und so fest
zugedrückt, dass seine Finger kalkweiß geworden waren.
Nun versuchte er, die Faust zu öffnen, doch es gelang ihm
nicht.
Vorsichtig streckte die Frau seine Finger und sah die hellbraune,
glattschalige Frucht.
"Das ist die Heilnuss, wegen der du fast ertrunken wärst?!"
"Ja, aber es hat sich gelohnt, sie herauszufischen. Sie kann
so vieles retten."
"Dir hat sie fast den Tod gebracht", sagte die Frau
ernst. "Ich muss dich enttäuschen: Das hier ist keine
Heilnuss. Wir haben hier in unserem Wald einen jungen Heilnussbaum,
der heuer nach sieben langen Jahren das erste Mal
Früchte trägt. Und die sehen anders aus..."
Viktor starrte sie entgeistert an. "Aber was ist es dann?"
Noch während er diesen Satz aussprach, wusste er, zu welcher
Pflanze dieser Samen gehörte...
"Wir müssen diese Nuss sofort verbrennen!", rief
er, "sonst geht das Unglück hier weiter!"
"Steck sie ein und pass gut auf sie auf", sagte die
Frau. "Wir gehen jetzt erstmal zu meinem Haus und dort erholst
du dich in aller Ruhe von deinem Schrecken. Und wir können
uns trockene Sachen anziehen." Sie zeigte zum Wasser und
lachte. "Schau, da kommt dein Boot!"
Tatsächlich strandete das Boot gerade und die beiden zogen
es schnell ans Land. Viktor nahm seinen Rucksack und ging neben
der Frau zum Wald.
"Danke, dass Sie mich gerettet haben!"
"Darüber freu ich mich genauso wie du", antwortete
sie, strich sich ihre feuchten, braunen Haare aus der Stirn und
klopfte dem Jungen freundschaftlich auf die Schulter. "Jetzt
bin ich gespannt, wie es dir bei mir gefällt." Viktor
blickte sie von der Seite her an und dachte: "Komisch, sie
hat doch eben noch jünger ausgesehen..."
Nach kurzem Fußmarsch durch ein lichtes
Waldgebiet standen sie plötzlich vor einem sehr seltsamen
Gebäude. Alle Wände ringsum waren mit Spiegeln besetzt.
Sogar das Dach blinkte und blitzte. Viktor war sofort klar: Das
war genau der Platz, zu dem er gewollt hatte. Das geheimnisvolle
Signal!
Sie betraten das Haus und Viktor staunte. Nicht nur außen,
sondern auch in den Innenräumen war alles verspiegelt! Der
Prinz trat vor einen der Spiegel hin und schaute hinein. Er sah
nichts! Nichts von seinem Gesicht, nichts von seiner tropfnassen
Kleidung. Nichts!
Fassungslos drehte er sich zu seiner Gastgeberin um und bemerkte,
dass ihr Gesicht von vielen kleinen Falten durchzogen war. Auch
ihr Haar hatte die Farbe gewechselt: Es war nun so grau wie die
Fallschirmchen des Löwenzahns. In Viktor kroch eine unbestimmte
Angst hoch. Wieder eine Gefahr? Wer war diese seltsame Frau, die
ihr Aussehen so schnell änderte wie ein Chamäleon die
Farbe?!
Die Frau ging zu einer Kommode und nahm aus der Schublade eine
kleine, scharfkantige Spiegelscherbe. "Da kannst du dich
anschauen, wenn du unbedingt möchtest. Ich würde es
dir nicht empfehlen, aber du willst es offensichtlich nicht anders."
Viktor nahm die Scherbe und warf zögernd einen Blick hinein.
Er erschrak bis in sein Innerstes. Ein bleiches, schmales Gesicht
mit tiefen, blauen Ringen unter den Augen blickte ihn an. Kein
Zweifel das war er! Was ihm aber trotz seines Schreckens
sofort auffiel, war der Glanz in seinen Augen. Normalerweise standen
sie wie zwei mattgraue Kiesel in seinem Gesicht, aber heute strahlten
sie wie frisch polierte Steine!
Viktor bekam trockene Kleider, die ihm viel besser passten als
seine alten. Die Schuhe waren ihm sehr eng geworden, die Hose
war zu kurz und auch die Jackenärmel sahen wirklich lächerlich
aus. Seine neue Jacke war genau wie die alte aus wunderschönem
rotem Samt und die weiche, grüne Hose passte ihm perfekt!
"Komm und stärke dich", lud ihn die Spiegelfrau
ein, "du hast doch bestimmt Hunger und Durst."
Er erinnerte sich, dass er das letzte Mal im Boot ein wenig von
seinen Vorräten gegessen und aus seiner Flasche getrunken
hatte.
Die beiden betraten einen kleinen Raum. Auf einem weichen Teppich
stand ein niedriger Tisch mit feinsten Speisen und ein großer
Teller voll mit Früchten. Die Frau bot Viktor ein gemütliches
Sitzkissen an und ließ sich ihm gegenüber nieder. Alle
Wände des Raumes waren ebenfalls mit Spiegeln belegt, in
denen sich jedoch nicht das Zimmer und die Einrichtung widerspiegelten,
sondern ganz andere Dinge...
An Viktor zogen Bilder vorüber, die ihm zum Teil bekannt,
andererseits aber auch völlig fremd waren. Während er
gedankenverloren die köstlichen Sachen in seinen Mund wandern
ließ, schaute er wie gebannt auf diese Wände.
Auf seiner rechten Seite beugte sich gerade eine Frau über
einen Korb. Darin lag ein neugeborenes Kind mit gelocktem Haar.
Plötzlich erkannte er die Frau: Es war seine Mutter! So hatte
sie ausgesehen? So glücklich? So jung? So schön? Wenn
das seine Mutter war, dann war das Kind in dem Korb er selbst!
Sein Herz schlug rasend schnell vor Aufregung...
Plötzlich knallte es! An der Wand auf der linken Seite schlug
ein Mann mit einem goldenen Löffel mitten in einen gefüllten
Teller. Viktor zuckte zusammen und wurde ganz steif vor Schreck.
Wie ein plötzlicher Schmerz war die Erinnerung da. Der Mann
starrte ihn an, hielt ihn fest, stieß ihn auf den Stuhl
zurück, schrie...
Bevor Viktor sich in seine Angst fallen lassen konnte, betrat
im Spiegel vor ihm ein älterer Mann den Raum. "Lieber
Herr Nuss!", schrie der Junge von seinem Kissen aus. Eigentlich
wollte er aufspringen, aber dann blieb er sitzen. Es war ja nur
ein Bild ein Bild in einem Spiegel! Und doch hatte er das
Gefühl, als ob ihm jemand über die Haare streicheln
würde. Er wurde wieder ruhig.
Auf einmal spielte an der rechten Wand eine Gruppe Kinder mit
einem großen Wagenrad aus Holz. Sie schubsten es an und
versuchten, es am Laufen zu halten. Es durfte nicht trudeln, nicht
fallen... Die drei Brüder waren auch mit dabei. Sie kreischten,
rauften miteinander und vertrugen sich wieder. Viktor schmunzelte.
Ja, genauso waren sie seine Freunde.
Plötzlich tauchte Fanny auf! Fanny mit ihrem roten Kleid
und dem braunen Zopf! Die Jungen machten ihr Zeichen und winkten
ihr, dass sie doch mitspielen sollte. Aber Fanny schüttelte
den Kopf und rannte weiter.
Nun winkte sie jemandem zu, strahlte über das ganze Gesicht
und rannte zu einem Jungen hin. Viktor spürte einen Stich
in seiner Brust. Wer war das? Über wen freute sich Fanny
da so sehr? Der Junge drehte sich um und Viktor sah, dass er selbst
es war! Er selbst ungefähr so alt wie Fanny... Ihm
stockte der Atem. Fanny meinte ihn. Ihn ganz allein! In diesem
Augenblick spürte er, dass er sich in seinem ganzen Leben
noch nie so gefreut hatte, dass er noch niemals vorher so glücklich
gewesen war. Schweigend blieb Viktor auf seinem Kissen sitzen.
Er erwachte am nächsten Morgen in
einem Bett aus Samt und Seide und hatte nicht die geringste Ahnung,
wie er da hineingekommen war. An seinem Bett stand eine junge,
bildschöne Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren. Strahlend
reichte sie ihm eine Tasse heißen Pfefferminztee.
"Guten Morgen!", sagte Viktor verlegen. "Wir haben
uns gestern gar nicht kennengelernt."
Die junge Frau lachte laut. "Was meinst du denn, wer ich
bin?"
"Die Tochter der Hausbesitzerin?", vermutete der Junge
vorsichtig.
"Falsch! Ich bin die, die dich gestern aus dem Wasser gezogen
hat." Und als Viktor sie ratlos anblickte, sagte sie: "Ich
bin jung und ich bin alt, Viktor. Du kennst jetzt meine verschiedenen
Gesichter. Am Morgen bin ich ein kräftiges, junges Mädchen,
während des Tages nimmt mein Alter zu, aber meine Kräfte
nehmen allmählich ab. Und abends gehe ich als kluge, alte
Frau zu Bett. Eigentlich will ich nicht wissen, wie ich gerade
aussehe, aber ich kann es dann doch nicht lassen, immer wieder
in einen Spiegel zu sehen und wenn es nur eine kleine Scherbe
ist."
"Sie sehen schön aus", sagte Viktor, "sehr
schön!"
"Nicht lange. Schon bald fühle ich die ersten Falten
in meinem Gesicht. Der Glanz meiner Haare nimmt ab... Ich
ich ertrage das nicht..."
"Aber jeder Mensch wird doch älter. Keiner kann für
immer jung bleiben."
"Ich schon!"
"Und wie machen Sie das?"
Die Spiegelfrau zeigte auf eine Wand, die mit einem schweren Vorhang
verhängt war. "Dahinter liegt mein Geheimnis."
Sie senkte ihre Stimme. "Es ist ein ganz besonderer Spiegel,
Viktor. Wenn ich mich am Morgen darin betrachte, sehe ich wieder
so jung aus wie damals als Zwanzigjährige. Ich brauche
niemals Angst vor dem Alter zu haben."
Viktor wusste nicht, ob er die Frau bewundern oder bedauern sollte.
Irgendetwas machte ihn traurig, wenn er in ihr glattes Gesicht
schaute. "Wo kann man denn so einen Spiegel kaufen?",
fragte er.
Sie lächelte. "Den kann man nicht kaufen. Ich habe ihn
geschenkt bekommen von meinem Mann. Er war ein berühmter
Glasmacher und wir lebten hier gemeinsam in diesem Häuschen.
Eines Tages gelang ihm die Erfindung seines Lebens: Er konnte
Spiegel anfertigen, in dem sich das Leben widerspiegelte
die Vergangenheit, die Gegenwart, aber auch die Zukunft. Du hast
es ja gestern Abend erlebt."
"Und der Spiegel hinter dem Vorhang?", wollte Viktor
wissen.
"Diesen Spiegel hat er für sich selbst gemacht. Er wollte
nicht älter werden und er wollte jeden Tag eine junge,
schöne Frau haben. Anfangs bin ich nur einmal im Monat vor
den Spiegel gegangen, aber bald konnte ich es nicht mehr lassen,
mich täglich jung zu sehen. Und das ist bis heute so geblieben..."
Sie schwieg und sah Viktor traurig an.
Der sagte: "Ich finde, Sie sehen auch am Abend sehr schön
aus. Ich an Ihrer Stelle würde versuchen..."
"Das habe ich, aber es gelingt mir nicht."
Schweigend setzten die beiden ihr Frühstück fort. Sie
saßen am gleichen Tischchen wie am Abend zuvor und Viktor
bekam auch heute eine fürstliche Mahlzeit ganz wie
im Schloss, nur war es viel, viel gemütlicher. Angst vor
seiner Gastgeberin hatte er nun überhaupt nicht mehr. Er
wusste ja jetzt, was ihm an ihr so unheimlich vorgekommen war.
"Und Ihr Mann?", fragte er. "Wo ist der jetzt?"
"Er konnte sich rechtzeitig vor seinen Spiegeln retten. Eines
Tages ist er verschwunden und hat sie mir zurückgelassen."
Plötzlich begann Viktor, heftig zu husten und zu röcheln.
Er hatte sich an einem Bissen Weißbrot verschluckt, denn
ihm war etwas eingefallen. Er schrie: "Die Nuss! Wo sind
meine Kleider? Sie war in meiner Hosentasche! Vielleicht ist sie
nicht mehr da!?" Er war außer sich.
"Warte! Warte!", rief die Frau. Sie sprang auf und brachte
ein eisernes Kästchen. Es war verschlossen und als sie es
mit einem zierlichen Schlüssel geöffnet hatte, sah Viktor
drinnen seinen Fund liegen: den hellbraunen, glatten Samen der
Malefizia! Er war ungeheuer erleichtert.
"Nach dem Frühstück verbrennen wir diesen Unglücksbringer",
sagte die Spiegelfrau und schenkte ihm seine Tasse nochmal voll
mit duftendem Tee. "Und jetzt beruhige dich."
Alle Spiegel waren heute blank und ohne Bilder. Er erinnerte sich
an den gestrigen Abend. Seine Eltern fielen ihm ein, seine Freunde,
Fanny...
Als er ein wenig später aus dem Zimmer ging, nahm er einen
Spiegel wahr, den er bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Er hing
über der Tür. Verblüfft schaute Viktor hinein.
Er erkannte ganz deutlich seinen Vater und seine Mutter! Sie standen
auf dem Südbalkon und schauten voller Unruhe und Sorge in
die Ferne. Die Mutter schien zutiefst betrübt zu sein und
der Vater hatte einen missmutigen und störrischen Gesichtsausdruck.
Viktor seufzte. Machten sich seine Eltern Sorgen um ihn
oder eher um den rauchenden Berg? Vermissten sie ihn überhaupt...?
Die Spiegelfrau strich ihm über die Haare. Ihr Gesicht war
reifer geworden, ihre Augen milder. Der Prinz fühlte sich
in ihrer Gegenwart jetzt noch wohler und geborgener als am Morgen.
Als sie das Haus verlassen wollten, ging
Viktor aus Versehen zur falschen Tür. Er drückte die
Klinke nieder die Tür war verschlossen. In diesem Moment
schrie die Frau auf und packte ihn am Arm. "Weg von hier!",
kreischte sie. Sie war bleich geworden und sah erschreckend fahl
aus. Doch sie fing sich schnell wieder und sagte: "Komm,
wir wollen die Nuss verbrennen."
Schon bald flackerte vor dem Haus ein Feuerchen groß
genug, um die Frucht dieser unheilbringenden Pflanze zu vernichten.
Viktor war verstört. Sein Arm schmerzte und der Schreck saß
ihm noch in den Gliedern. Und jetzt hielt er auch noch diese fürchterliche
Nuss in der Hand. Zitternd legte er den harten Samen in die Flammen.
Sofort begann ein unheimliches Knacken. Die Schale platzte auf
und kräuselte sich. Die Nuss stieß einen spitzen, hohen
Pfiff aus! Und stank gewaltig! Dann war alles still.
Die Zeit des Abschieds war gekommen. "Leb wohl!", sagte
die Frau und nahm Viktor in die Arme. "Und bleib so, wie
du bist. Du bist ein tapferer, mutiger Junge und alle wissen,
dass du ein wunderbarer König sein wirst."
"Woher wissen Sie...?", fragte der Prinz unsicher.
"Jeder kennt dich. Und jeder schätzt dich, Viktor. Und
nun geh und wenn du einem älteren Mann mit einem großen
Hut begegnest, dann grüß ihn von mir von seiner
Nea. Sag ihm, dass ich ihn bald besuchen werde. Und du: Verlier
dein Ziel nicht aus den Augen!"
Noch bevor Viktor Genaueres erfragen konnte, war die Spiegelfrau
in ihrem glänzenden Haus verschwunden.
"Mein Ziel?", dachte Viktor. "Was ist denn eigentlich
mein Ziel?"